Konspirative Treffen, ohne Handy und abseits von Ortschaften, kannte ich bereits. Aber Dieses sollte auf meine bisherigen Erfahrungen noch einen draufsetzen. Über einen Mittelsmann kam ich mit der Kontaktperson eines „anonymen Internet-Aktivisten“ ins Gespräch. Er sei wegen Volksverhetzung angeklagt, vielleicht nicht mehr lange auf freiem Fuß und der Zeitpunkt für ein Interview gekommen. Für einen Youtuber und politischen Aktivisten gab es in so einem Moment natürlich keine Ausreden oder Faxen. Es galt den Fall zu dokumentieren und der Repression zuvorzukommen. Dranbleiben war angesagt.

Einige Textnachrichten über den verschlüsselten Messenger Threema und einige angefahrene Treffpunkte später wartete ich wie vereinbart im Auto, als plötzlich eine Person vor der Scheibe meiner Fahrerseite stand. „Wir müssen fahren“ drang es blechern und gedämpft durch die Scheibe zu mir. Die Tür ging auf und ein junger Mann mit abgewetztem Mantel setzte sich auf meine Rücksitzbank. „Fahr aus der Siedlung“. Auf einem abgelegenen Weg einige Kilometer entfernt folgte dann das erste entspannte Gespräch. „Hi, ich bin Shlomo. Sorry für die Aufregung“.Blitzartig wusste ich, wer mir da gerade gegenüberstand. Die Internetcommunity hatte Shlomo Finkelstein, den Betreiber des Youtube Kanals „Die Vulgäre Analyse“, nach den Berichten die ihn in Zusammenhang mit Orbits Datenleak brachten schon abgeschrieben, teilweise sogar für tot erklärt.

Wir fuhren weiter zu einem unauffälligen Gebäude. Abhörsicher, vertrauenswürdig, kurzum geeignet.

Beim Ankommen bat mich Shlomo seine Jacke zu halten. Er wollte den darunter liegenden Pullover wechseln. Seine Jacke erschien mir deutlich zu schwer. Als hätte er seine Tasche gerade zu vollgestopft. Vielleicht nur eine Kamera, vielleicht aber auch eine Gasknarre. Wieso auch nicht, dachte ich mir. Schließlich lebt man gefährlich wenn man sich öffentlich mit Staat, Islamisten und verschiedenen linksextremen Gruppen gleichzeitig anlegt. Aus diesem Grund kennen bis heute auch nur wenige sein Gesicht. Zu riskant wäre ein unvorsichtiges Vorgehen. Daran hatte ich mich auch im Interview zu halten.

Auf meine Frage, ob es politischer Aktivismus wert ist dafür ins Gefängnis zu gehen, antwortete er mit einem kühlen Ja. Nicht reflexartig und instinktiv, sondern überlegt. Vor seiner Antwort wartete er ab, so als legte er seine Videos und die drohenden 5 Jahre Knast noch einmal vor seinem inneren Auge auf die Waagschale. Seine Antwort war absolut ernst gemeint.

Zum Ende des Interviews bat ich ihn, ein Schlusswort zu formulieren. Was folgte war ein Appell an dich, mich und die gesamte freie Welt.

„Die Repressionsmaßnahmen die gegen mich jetzt passiert sind, die machen mich eigentlich eher wütend. Ich denke das ist, worein man das kanalisieren muss. Wer gefickt wird wegen seinen Ansichten soll wütend werden. Und deswegen musst du weitermachen. Und das muss dich motivieren, muss dich antreiben um noch härter, um noch besser weiterzumachen.“

Wenn ich eine Liedzeile bräuchte um das Gespräch zu beschreiben, würde meine Wahl auf „keine Hemmung, keine Furcht, mit dem Kopf durch die Wand“ von GZUZ fallen. Dabei wirkt Shlomo nicht wie ein hemmungsloser Typ, schon gar nicht wie ein Freiheitskämpfer.

Shlomo ist schmächtig, nicht allzu groß, hat keine teuren Markenklamotten und wirkt mehr wie der IT-Student von nebenan als der Rebell im Braveheart-Format. Dennoch nimmt er für sein Recht auf Meinungsfreiheit viele Risiken in Kauf, zensiert sich nicht selbst und lässt sich nicht kleinkriegen. Ganz egal wie ungewiss die kommende Zeit für ihn sein mag. Er ist mutig.

Und vielleicht braucht es genau das für unseren Kampf. Ein breites Kreuz, eine brachiale Ausdrucksweise und unüberlegte Risikobereitschaft haben Viele auf Lager. Aber verändert wird die Welt von wütenden Menschen, die aus ihrer Wut eine überlegte Kampfbereitschaft schöpfen, sich den drohenden Gefahren bewusst sind und selbst wenn fünf Jahre Haft aufgerufen werden nicht abschwören.

Vielleicht ist es das, was in der Moderne einem Helden am nächsten kommt. Denn wer sich heute für sein Land und sein Volk stark machen will, findet keine Lützowschen Jäger, keine Weiße Armee oder Freischärlerbewegung der er sich anschließen könnte. Sich freiwillig zum Dienst melden heisst heute, frei zu sprechen. Das Schlachtfeld Internet ist riesig, sogar weltumspannend. Hier wird mit harten Bandagen gekämpft und die Zeit wird zeigen ob die freie Rede oder die Zensur siegen wird.

Angelehnt an mein Lieblingszitat aus dem Film Michael Collins frage ich also in die Runde: Wenn sie Shlomo morgen wegsperren, wer tritt dann an seine Stelle ?

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